Lange haben die pandemiebedingten Reisebeschränkungen mich warten lassen. Im Januar 2023 kann ich endlich nach Mexiko reisen, um unser gemeindebasiertes Waldschutzprojekt zu besuchen. Nach zwölf Stunden Flug lande ich in Mexiko-Stadt und treffe, mit Jetlag, unsere Partnerorganisation Cooperación Comunitaria. Am nächsten Morgen: Weiterreise ins Projektgebiet im Bundesstaat Guerrero. 400 Kilometer mit dem Auto, noch mal zwölf Stunden Fahrt. Mir wird schnell klar: Mexiko ist ein riesiges Land.
Ein gesellschaftliches und ökologisches Mosaik
Aufgrund der verschiedenen Ökozonen, die der 130 Millionen Einwohner:innen zählende mittelamerikanische Staat umfasst, wird Mexiko zu den 17 megadiversen Ländern des Planeten gezählt. Darüber hinaus ist das Land auch ein ethnisches Mosaik. Unzählige indigene Völker leben in Mexiko, besonders im Süden. Im Bundesstaat Guerrero, wo wir unser Projekt umsetzen, gehören besonders viele Menschen indigenen Gemeinschaften an. Hier kommt es immer wieder zu gewaltsamen Konflikten um Landnutzungsrechte. Große Minengesellschaften und Drogenkartelle – die sogenannten „Narcos“ – versuchen sich hier seit vielen Jahren festzusetzen, gegen den Willen der Indigenen. Das Auswärtige Amt rät deshalb dringend von Reisen in den Bundesstaat Guerrero ab. Wir reisen zur Sicherheit in einer Fahrzeugkolonne.
Seit 2013 arbeitet die GNF-Partnerorganisation Cooperación Comunitaria in der bergigen, unzugänglichen Region Montaña des Bundesstaates Guerrero. Nachdem die Region zuerst von einem heftigen Erdbeben erschüttert wurde, wütete kurze Zeit später ein Wirbelsturm und richtete große Zerstörungen an. In der Folge dieser Naturkatastrophen startete Cooperación Comunitaria zunächst ein Hilfsprojekt zum erdbebensicheren Wiederaufbau der Montaña. Schnell entstand daraus ein Entwicklungsprogramm, an dem die indigene Me’phaa-Gemeinschaft selbst mitwirkt. Seit 2020 ist der GNF als Partner des gemeindebasierten Waldschutzprojektes dabei.
Traditionelle Küche in neuen Öfen
Die Me’phaa begleiten mich in ihr Dorf und zeigen mir, wie sie leben. Jeden Morgen vor Sonnenaufgang beginnen die Frauen das Grundnahrungsmittel zuzubereiten: Tortillas, die traditionell auf Holzöfen gebacken werden. Betrieben werden die Öfen mit dem Holz der regionalen Rotbuche, wofür wertvolle Bergwälder abgeholzt werden. Versuche, auf Gas umzustellen, sind aufgrund der höheren Anschaffungskosten gescheitert. Auch Solarkocher kommen nicht in Frage, da man darauf keine Tortillas backen kann und ohnehin in den Häusern kocht und backt. Deshalb haben wir eine nachhaltigere Lösung gesucht, die die Wälder schont und damit auch das Risiko von Erdrutschen und Wasserknappheit in den Dürremonaten mindert.
Gemeinsam mit den Frauen setzt die Cooperación Comunitaria genau hier an und hat im Rahmen von zahlreichen Workshops einen holzsparenden Ofen entwickelt. Das neuartige Modell wurde „Juana“ getauft und ist genau auf die Bedürfnisse der Frauen abgestimmt, denn diese haben es schließlich selbst entwickelt. In Gemeinschaftsarbeit haben die Frauen bereits 40 holzsparende Öfen gebaut. Alle Frauen berichten übereinstimmend, dass die neuartigen Öfen viel komfortabler sind und etwa 50 Prozent Brennholz einsparen. Auch gibt es einen Rauchabzug, so dass die Frauen beim Backen der Tortillas nicht mehr im Rauch stehen müssen. Bei 40 Familien, die diese Öfen jetzt nutzen, werden so über das Jahr gerechnet viele Tonnen Brennholz eingespart. Da der Ofen Juana ein Erfolgsmodell ist, haben bereits viele weitere Familien angefragt, ob sie Unterstützung beim Eigenbau dieses Ofens erhalten können. Wir beabsichtigen deshalb, das Programm in Zukunft auszuweiten. Hätte jede Me’phaa-Familie in dem Gebiet eine “Juana“, so könnten ganze Wälder von der Abholzung verschont werden.
Indigene Selbstverwaltung für den Waldschutz
Unser Projekt zielt darüber hinaus auch auf die Stärkung des zwölfköpfigen, für jeweils drei Jahre gewählten indigenen Selbstverwaltungskomitees ab. Da die Me‘phaa keinen privaten Landbesitz kennen, werden alle richtungsweisenden Entscheidungen zur Bewirtschaftung der Wälder vom Selbstverwaltungskomitee getroffen. Im Rahmen von partizipativen Workshops werden das Bewusstsein für nachhaltige Nutzungspraktiken und die Managementfähigkeiten des Komitees gezielt gestärkt. Die Cooperación Comunitaria agiert hier mit großem Geschick und genießt durch die jahrelange Arbeit in den Gemeinden großes Vertrauen. Dabei hilft auch, dass Teile des Teams selbst aus der Gemeinschaft der Me’phaa stammen. Immer wieder wird bei den Workshops aus dem Spanischen in die Sprache der Me’phaa übersetzt, damit alle Bewohnerinnen folgen und sich beteiligen können.
Nach einer ereignisreichen Woche mit vielen Workshops und der Einweihung von zahlreichen neuen Küchen muss ich Mexiko leider wieder verlassen. Die Zeit drängt und es ist nun meine Aufgabe, gemeinsam mit der Cooperación Comunitaria eine Anschlussfinanzierung zu sichern, damit in den nächsten Jahren noch viele weitere holzsparende Kochöfen gebaut und das gemeinschaftliche Waldmanagement verbessert werden können. Dann kann ich hoffentlich bald noch einmal in dieses megadiverse, faszinierende Land zurückkehren und die Partnerschaft mit der Cooperación Comunitaria und den Me’phaa-Gemeinden weiter vertiefen und viele neue Kochöfen begutachten.



