Biodiversitätsverlust ist längst kein Nischenthema mehr – für Unternehmen, die auf landwirtschaftliche Lieferketten angewiesen sind, wird er zunehmend zu einem handfesten unternehmerischen Risiko. Gleichzeitig wächst der Druck von Politik, Investor:innen und Zivilgesellschaft, aktiv in den Schutz und die Wiederherstellung von Ökosystemen zu investieren. Vor diesem Hintergrund rücken innovative Finanzierungsinstrumente wie Biodiversitätskredite immer stärker in den Fokus – nicht zuletzt, seit sie im Kunming-Montreal-Rahmenwerk für biologische Vielfalt explizit als Instrument genannt werden.
Doch wie stehen deutsche Lebensmittelunternehmen tatsächlich zu diesem neuen Marktinstrument? Gibt es echte Nachfrage – oder bleibt es vorerst Theorie? Genau das haben der Global Nature Fund, Food for Biodiversity und das IKI-Projekt „Del Campo al Plato“ (From Farm to Fork, durchgeführt durch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH ) in einem aktuellen Report untersucht.
Über den Report
Für die Untersuchung wurden acht Interviews mit Vertreter:innen deutscher Lebensmittelunternehmen sowie ein Interview mit dem Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels geführt – die befragten Unternehmen decken zusammen einen erheblichen Teil des deutschen Lebensmitteleinzelhandels und der Lebensmittelindustrie ab. Ergänzt wurden die Interviews durch eine Online-Befragung unter sechs weiteren Unternehmen sowie einen Workshop mit rund 20 Akteur:innen der Branche.
Biodiversitätsfinanzierung ist längst Realität – aber fragmentiert
Neun von 14 befragten Unternehmen finanzieren bereits heute biodiversitätsbezogene Maßnahmen – meist über eigene Programme in der Lieferkette, Direktfinanzierung von Projekten oder den Kauf zertifizierter Produkte. Fast immer arbeiten die Unternehmen dabei mit spezialisierten Partnern wie NGOs oder Universitäten zusammen. Was jedoch fehlt, ist häufig eine strukturierte Strategie sowie eine verlässliche Methode, um die tatsächliche Wirkung dieser Investitionen zu messen.
Die größten Hürden: Messbarkeit, Budget, Expertise
Als zentrale Herausforderung nennen die befragten Unternehmen die Messbarkeit von Biodiversität – deutlich komplexer als etwa CO₂-Bilanzen. Hinzu kommen begrenzte Budgets, fehlendes internes Fachwissen und die Schwierigkeit, langfristige ökologische Wirkungen intern wie extern zu kommunizieren. Ein:e Interviewpartner:in brachte es auf den Punkt: Kund:innen hätten oft weder Zeit noch Interesse an komplexen Erklärungen rund um Biodiversität.
Klare Präferenz: Lieferkettennähe statt Offsetting
Ein bemerkenswertes Ergebnis der Studie: Alle befragten Unternehmen bevorzugen Projekte, die geografisch mit ihren eigenen Lieferketten verknüpft sind – idealerweise direkt in den Herkunftsregionen ihrer Rohstoffe. Klassisches Offsetting, also der Ausgleich von Schäden an anderer Stelle, spielte für keines der Unternehmen eine Rolle. Investitionen werden stattdessen als Mittel verstanden, um die eigene Lieferkette widerstandsfähiger zu machen („Insetting“). Auch kleinere Projekte unter 100 Hektar sowie Maßnahmen zur regenerativen Landwirtschaft und Pestizidreduktion stoßen auf besonderes Interesse.
Biodiversity Credits: Vorsichtiges, aber wachsendes Interesse
Praktische Erfahrung mit dem Kauf von Biodiversitätskrediten hat bislang keines der befragten Unternehmen. Die Skepsis ist spürbar – geprägt von negativen Erfahrungen mit freiwilligen CO₂-Märkten. 89 % der Befragten sehen Greenwashing als zentrales Risiko, 67 % befürchten mangelnde Akzeptanz bei Stakeholdern. Kritikpunkte sind unter anderem fehlende einheitliche Standards, Doppelzählungen und die grundsätzliche Frage, ob sich Biodiversität überhaupt sinnvoll in vergleichbaren Einheiten abbilden lässt: „Es gibt kein Äquivalent zu einem Orang-Utan“, so eine Stimme aus den Interviews.
Trotzdem: Das Interesse wächst. Fünf von sechs Unternehmen aus der Online-Befragung wollen mehr über Biodiversitätskredite lernen. Als Chance werden vor allem mehr Transparenz, Vergleichbarkeit durch standardisierte Methoden und ein niedrigschwelliger Einstieg in die Biodiversitätsfinanzierung gesehen. Wichtig ist den Unternehmen dabei vor allem eines: ein klarer Bezug zur eigenen Lieferkette (89 % Zustimmung) sowie eine solide wissenschaftliche Grundlage (78 %).
Ausblick: Ergänzung statt Ersatz
Biodiversity Credits werden von den befragten Unternehmen nicht als Ersatz, sondern als mögliche Ergänzung zu bestehenden Maßnahmen gesehen – mit realistischem Zeithorizont von drei bis fünf Jahren, bis Methoden und Standards ausgereift genug sind. Als wahrscheinliche Vorreiter gelten große Handelsunternehmen und Lebensmittelmarken mit entsprechenden Budgets und hoher öffentlicher Sichtbarkeit.
Fazit
Die deutsche Lebensmittelbranche befindet sich in einer Early-Adopter-Phase: Das Interesse an Biodiversitätsfinanzierung wächst spürbar, doch Marktstrukturen, Wissen und Vertrauen in neue Instrumente wie Biodiversitätskredite entwickeln sich erst. Damit Biodiversitätskredite ihr Potenzial als zusätzliches Finanzierungsinstrument entfalten können, braucht es vor allem eines: robuste, transparente und wissenschaftlich fundierte Governance-Strukturen, die die Fehler der freiwilligen CO₂-Märkte nicht wiederholen.
Den vollständigen Report „Financing biodiversity in supply chains – Biodiversity Credits and other innovative financial mechanisms“ finden Sie hier: CAP GNF Biodiversity Credits and other financial mechanisms - Global Nature Fund
Die Studie ist Teil des IKI-Projekts „Del Campo al Plato“ (From Farm to Fork), umgesetzt von der Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH in Kooperation mit dem Global Nature Fund und Food for Biodiversity , im Auftrag des Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN).
